Zerrissenheit

„Das kann nicht funktionieren“, so lautet das Mantra, das andere mir auf den Weg mitgaben. „Hast du dir das überhaupt durch den Kopf gehen lassen“ (mir gehen nur dumme Dinge durch den Kopf, alles andere entscheidet mein Bauch – übernimmt dafür logischerweise keine Verantwortung), war der zweifelnde Appel an meine geistige Gesundheit. Um welche Lebensfrage, Scheideweg oder Entscheidung es sich auch handeln mochte, das war den Kritikern (allesamt ungefragt und mehr durch ihre Selbstüberschätzung motiviert) egal – waren ja auch wechselnde Charaktere.

In srilankischen Familien hat man zu ALLEM eine Meinung: Ob es das erste aus der Reihe tanzende Ohrpiercing war, das mich aus der Liga der „guten“ sirlankischen Töchter katapultierte und meinen Eltern die erste (von vielen) Rügen zu ihren allzu leichten Zügeln in meiner Erziehung einbrachte, oder der erste weiße Freund. Nun, einige Piercings füllten die Zeit zwischen dem 3. Ohrloch und dem ersten weißen Mann (abgesehen davon, dass es nicht der 1. war- aber wollen wir das nicht weiter vertiefen).

Abgesehen von Piercings, kämpfte und kämpfe ich noch immer einen inneren Kampf zwischen dem, was meine kulturelle „hereditäre“ Pflicht an meiner Herkunft und Familie ist und dem „erworbenen“ Geist und Drang nach dem wahren Ichsein. In meiner Kommode verbergen sich so viele Versionen von mir, wie die vielen Skizzen eines Porträtzeichners, bevor er sich an das wirkliche und beständige Bildnis macht, das nachwelt-tauglich ist.

Aber es gefiele mir eher mich als eine Leinwand Picassos zu sehen, die alle Schritte und Launen des kreativen Prozesses in sich verewigte. Mit der Zeit kamen so viele Schichten Farbe und Pinselstriche auf die Leinwand, dass sie die alten Skizzen verschluckten, aber sich doch an ihnen anleiteten ohne die Grenzen zu berücksichtigen. Wenige Momente später kam ein mächtiger Farbhieb und revidierten einen anderen. Das Gemälde war in der Werdung schon so faszinierend, dass das Endresultat mit dem Wissen welcher Weg zurückgelegt wurde, welche Basis es polsterte, noch mehr Bedeutung und Kraft erlangte.

Ich hatte alle diese Ideen von mir, die sich z.B in einer sich während der Jugend permanent verändernden Handschrift niederschlugen. Allein die Ausrichtung des Papiers manipulierte meine Schrift, was mir ein „Befriedigend“ in Schönschreiben einbrachte (und hier schon zeigte sich meine Gespaltenheit: um ein „sehr gut“ zu verdienen, musste ich das Heft halten, wie alle anderen, aber als Linkshänderin bedeutete das mit meinem Handballen das mühsame Werk an noch feuchter Tinte zwangsläufig zu ruinieren. In meiner Gehorsamkeit sabotierte ich mich selbst. Ich konnte dieses „sehr gut“ nie erreichen!)
Mit 14 oder 15 trat meine Deutsch-Professorin an mich heran um zu fragen, wieviele Diyanis an einer Hausaufgabe geschrieben hatten. Auf 2 Seiten fanden sich 4 unterschiedliche Handschriften. (Apropos Deutsch: Das größte Lob war für mich, wenn man meine Deutschkenntnisse mit dem eines „nativ speakers“ verglich, nicht im Kontext meines Migrationshintergrundes, sondern wegen der Begeisterung für diese Sprache)
Wenn man keine Idee von der eigenen Identität hat, sucht man Anleitung bei anderen und sei es nur in einzelnen Buchstaben: dem „G“ meines Vaters, dem „L“ einer schönen Signatur, oder dem „h“ eines Jugendschwarms. Meine Schrift war so sehr Zeugnis meiner Veränderung und meiner Zerrissenheit wie der Versuch zu passen. Einfach zu passen, wo, zu was, zu wem auch immer. Ganz nach dem Motto „was nicht passt, wird passend gemacht!“

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Graz Herbst 2017

Das Passend-machen gab ich aber in den vergangen Jahren auf. Da ich mich nicht entscheiden konnte, wem gegenüber ich passend sein sollte: meiner familiären Verpflichtung, oder der österreichischen Gesellschaft/ Leben. So entschied ich mich für die Fortführung meiner Zerrissenheit. Ich durfte nur nicht ganz aus der Naht gehen. Um den Weg aber vehement zu verfolgen, war ich zu wenig Egoist. Ich lies mich doch noch anstupsen, ausrichten, schaute links und rechts, ob ich wohl nicht allen gleichzeitig und zu fest auf den Fuß trat. Irgendwem stieg ich bestimmt auf die Zehen. Wenn es nach meinen Eltern ging, dann waren es immer ihre Füße, die an die Undankbarkeit meines Trotzes glauben mussten.

Da ich auf dem Weg zu meiner Selbstfindung schon Handschriften imitierte, brauchte ich auch die Reibung mit anderen um mich zu erkennen.
Das Schöne an der Liebe war für mich nie „geliebt zu werden“;ich glaube sogar, dass ich eine Heidenangst davor hatte, dass meine kühnen Sehnsüchte tatsächlich in Erfüllung gehen könnten; sondern die Idee jemanden einfach nur zu lieben. In meiner Jugend lebte ich wohl viele Jahre mit Vorzug in meinem Luftschloss (da war ich die schlanke Idealversion von mir). Ich schwärmte für Menschen in einer völligen Grenzenlosigkeit. Ich war ein Hippie. „Freie Liebe“ interpretierte ich mehr als die Wolkenschwimmzüge, als echte körperliche Nähe, die war mir ein Graus.
Mein erster Freund war ein Versehen. Der erste Kuss somit eine feuchte Katastrophe. So konsumiert von meiner „Tätigkeit“ als „Kummer-Tante“ und „Klassen-Mama“ dachte ich die Frage, „Wie findest du den?“ galt lediglich der Korrektur der Hormon-verklärten Wahrnehmung der anderen und nicht meinem (!!) Gefallen an dem besagten Möchtegern-Rapper in einseitig hoch-gekrempelten Hosen. Schnurrstracks hatte ich einen Freund (so schnell ging das damals). Ich, deren T-Shirts so lang waren, dass sie in die Hose gesteckt eine zweite Unterhose formten, die Haare jahreszeitenunabhängig zu einem Pferdeschwanz gezogen und mit Augenbrauen, die ich beim Herantasten an die Mittellinie beobachtete, den Moment des Pinzette-Einsetzens noch hinauszögernd. Dass ich nicht ausschließlich Sport-BHs trug, verdankte ich einer Freundin meiner Mutter, die mit mir meinen ersten Besuch bei Palmers beschritt. Der erste „westliche“ BH (aka nicht korsettartig einschnürend um die Biologie in dringend notwenige Schranken zu weisen – hat nichts gebracht). Den trug ich strategisch klug, falls dieser erste akzidentielle Freund auf Tuchfüllung gehen und ich vermeiden wollte, dass er vor dem beigen Ungetümen, die ich sonst trug, davon lief. Hätte ich bloß nicht versucht zu gefallen, wäre er freiwillig und eher gegangen.
Nur zu diesem Moment, mit 15, war ich die unemotionalste Version meiner selbst.
Mein erwachsenes Ich, das sich der Liebe wie ein Lemming als Opfer darbietet („nimm mich- ich bin noch nicht oft genug auf die Schnauze gefallen!“), kann sich nur wundern, wo und wann dieser Anteil verloren gegangen ist.
Ich trieb diesen armen Jungen mit den gleichen Handlungen zur Verzweiflung, wie mich später die Männer. Ich meldete mich nie, war kurz angebunden, stellte ihn meinen Freund nicht vor und machte im Pausenraum mit ihm Schluss. Karma, dieses verfluchte Miststück.
Dank dieses Missgeschicks blieb ich doch nicht der einzige ungeküsste Teenager. Nebenbei bemerkt, küssen fand ich nicht so prickelnd. Ganz zu schweigen von meiner Herpes-Phobie. Mich würde man wohl nie wild-knutschend (mit unbekannt) in der Disco antreffen.

Vielleicht war ich nicht zerrissen, sondern widersprüchlich? Jeden Tag akzeptiere ich aufs Neue, dass ich so getrieben, unstet und unzufrieden mit „mir im Moment“ bin. Unzufrieden, dass ich in einem Alltagstrott gefangen bin, unzufrieden meine Leidenschaften nicht mehr zu pflegen, unzufrieden, dass ich meine Eltern nicht/nie zufriedenstellen kann. Unzufrieden, dass ich noch immer nicht begreife, wie die Welt funktioniert; unzufrieden, dass mein Wissen so viele Lücken hat.
Ja, unzufrieden, dass mir die Liebe so schwer fällt.

Ich spüre wieder Unruhe in mir, die mich dazu überreden will, zu laufen, die Zelte abzureißen, wieder auf Einsatz zu gehen, um mich endlich nicht mehr zu spüren. Mich so sehr auf die Basis zu besinnen, zu tun, was ich liebe, worin ich aufgehe ohne an mich zu denken. Das reinigenste war auf Einsatz zu sein. Mein Herz konnte von der Vergangenheit heilen und wurde trotzdem nicht hart gegenüber der Zukunft. Es ging über für die, die gebrochen waren, aber dennoch mutig waren, es ging über für die, die für andere sich selbst aufbrauchten. Ich habe kein Verständnis mehr für Egoisten, für „me first“ und der permanenten Selbstbestätigung durch augenscheinliche Heuchelei. Seifenblasenmenschen, die nur existierten, solange sie nicht in Frage gestellt wurden.

Doch wann lernte ich mich nicht mit allem so zu belasten? Dem Menschen seine Selbstzerstörung zu lassen, so hohl sie mir auch war. Ich wollte so gern meinen Kopf wieder in den Sand stecken und nicht mehr den Schmerz des langsamen Verkommens spüren müssen. Zurück in meinen Teller und den Rand ganz hoch ziehen.

Auf der anderen Seite macht dieser Weltschmerz meine individuelle Sinnkrise, Identitätsverlust, Heimatlosigkeit und Ungebundenheit so bedeutungslos. Lenkt mich vermutlich auch so gut ab, dass mir nie genug Zeit bleibt mich zu bemitleiden.

Um zurück und zu einem Ende zu kommen: Ich wünsche mir mein hin- und hergerissen sein oft weg. Ich würde gerne nicht anders sein, „normal(er)“ sein. Unauffällig. Was paradox ist. Als einzige dunkelhäutige Schülerin bin ich in meiner grauen Wolke mir nie anders vorgekommen. Ich war eine (braun-)graue Maus, die jede freie Minute in der Bibliothek verschwand. Erst jetzt mit dem Alter werde ich mir mehr und mehr meiner Hautfarbe bewusst, weil es der Außenwelt so wichtig ist, einen Unterschied zwischen mir und ihnen auszumachen.

Braucht der Mensch eine kulturelle/ethnische Zugehörigkeit? Mache ich einen Fehler, weil ich diese Grenzen nicht beachte und mich in „gemischt-ethnische“ Verbindungen wage? Kann ich nicht einfach ein Mensch sein, der mit einem anderen Menschen nur deswegen verbunden ist, weil wir einander in unserem Sein faszinieren, aber nicht weil man einem gesellschaftlichen Regelwerk Folge leisten muss um nicht unbequem aufzufallen?

Aber kann ich das Kulturelle, das mir mitgegeben wurde, subtrahieren? Prägt mich die Mentalität meiner Eltern nicht auch und macht das differenzierte Herantasten erst möglich? Hab ich nicht einen Vorzug, da ich mir das Gute aus beiden picken darf um klarer zu sehen, was (für mich) gut ist?
Darf ich das aber von meinem Partner auch erwarten? Darf ich erwarten, nur weil ich ohne Wurzeln in der Gegend rumfliege und meine Disharmonie mit den Eindrücken der Welt fülle, dass er es ebenso tut, dass er sich freimacht von einer Heimat, nur weil ich die nie hatte und jetzt nicht mehr brauche/suche?

Mein Zwiespalt macht mich inkompatibel. Anstatt zu passen, habe ich das anders-sein kultiviert, mit markanten Farben meine Kanten unterstrichen. In mir lebt die Lust an der Veränderung, die Lust an einem echten übervollen Leben, das mehr sein muss, als das nachmalen mit Schablone. Ein Leben, das vor lauter Unruhe im Gemälde aus dem Rahmen fallen will. she-dares.jpg

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Waaas sooo alt!?

Ich habe nicht vor zu jedem Jahr, das aufs Konto vom Sensenmann geht, einen Eintrag zu schreiben. Aber schließlich und unvermeidlich werde ich 35. MITTE 30. Ich gehöre nun offiziell zur “Boa ist die alt”- Gruppe. Da gibt es nur noch wenige markante Unterschiede zu wirklich Alten. Wenn mich nun ein zu wohl-erzogenes Schulkind im Bus sichtet, checkt es schnell die Infografik ab, nickt sein “jeden Tag ne gute Tat”- Nicken und fragt “Wollen SIE hier sitzen?” und ich werde auf meine wohl-erzogenes Art erwidern, “bist deppert? Diese Jugend, kein Respekt!”

Ich werde wirklich alt!

10 Gründe:

  1. Ich stehe FREIWILLIG an freien Tagen vor 10:00 OHNE Wecker auf.
  2. Ich muss nachts auf die Toilette (und das ist eine quälende Prozedur, “ich will nicht, ich will nicht, oh weh ich muss so dringend, es ist so kalt, ich will nicht. SCHEIßE na gut!”)
  3. Ich verstehe keine Jugendsprache, dass es VONG gibt, weiß ich nur weil Leute anfingen komisch zu reden. Das Übel begann als jedes Wort durch “Dings” ersetzt und jeder Satz mit einem “Alter” abgeschlossen wurde.
  4. Ich hab graue Haare (demzufolge wäre ich aber schon richtig alt, weil ich seit dem 25er ergraue.)
  5. Ich finde um 21:00 zu Bett gehen höchst attraktiv
  6. Nur aus Trotz stelle ich die Schriftgröße am Kindle nicht größer
  7. Ich kaufe nur noch gemütliche Schuhe
  8. Ich will verflixt noch mal eine hundsordinäre Jeans, nicht low, nicht high, nicht wasted erm destroyed, nicht skinny – schon gar nicht SUPER skinny (wenn ich eine Wurst hätte sein wollen, dann wäre ich als solche reinkarniert). Einfach nur NORMAL. Aber die Boyfriend lass ich mir aufquatschen, wenigstens irgendein BOYFRIEND.
  9. Ich finde Haferbrei zum dahinschmelzen, so wenig Kau-Aufwand. Frau muss schließlich auf ihre Zähne achten.
  10. Ich hab eine LKW-Ladung voll Oma-Unterhosen.

Beweisführung abgeschlossen.

Es gibt aber auch (mindestens) 10 Indizien, die meine Naivität untermauern:

  1. Ich vergesse regelmäßig die EINE Blume zu gießen
  2. Ich trage ausschließlich bunte Socken (schwarze hab ich um Seriosität zu heucheln)
  3. Ich trage eine rosarote Brille
  4. Manchmal lass ich absichtlich die Brille weg um im Verschwommenen eine andere Welt zu sehen
  5. Ich brauche Disney Filme, wenn es mir schlecht geht
  6. wääh” ist eine adequate Gefühlsäußerung
  7. Alles schmeckt besser mit dicken Pommes
  8. Ich freu mich jedesmal über einen Regenbogen
  9. Ich musste Mitte 20 werden um zu lernen, dass es automatisch generierte Briefe gibt. Ich war der festen Überzeugung, da sitzt wer und schreibt sie höchstpersönlich!
  10. Eine Ö3 Samstag Nachtshow hieß Disco Inferno und nicht, wie ich hörte, Disco im Fernhof (ich hab mich lediglich gefragt, wo Fernhof ist). Hierzu gehört auch, dass irgendwas zu singen, wenn man den Text nicht kennt, legitim ist.

Wie verbring ich den 35er? Mit Margherita in beiden Händen am Strand? Strand ja, Margherita oder irgendein alkoholisches Getränk werde ich wohl heimlich in der Kokosnuss trinken müssen: Ich bin in Sri Lanka.

Ich habe ob der mageren Alternativen beschlossen, zur Abwechslung, eine brave Enkelin zu sein.

Zuletzt hab ich meinen 6.Geburtstag in Sri Lanka gefeiert, mit Motivtorte. Falls ich dieses Jahr eine solche krieg, wird es wohl die allegorische Darstellung elterlicher Missbilligung/Enttäuschung sein. Und wenn 35 Kerzen drauf Platz finden, dann weil sie meinen Namen falsch geschrieben haben.

Der Geburtstag ist mittlerweile auch schon Geschichte und tatsächlich fühle ich mich etwas älter, kann aber ebenfalls daran liegen, dass ich seit Stunde 3 nach Ankunft diverse Schmetterbälle in Richtung meines unmöglichen Jungferndaseins abblocke. Ich falle nachts erschöpft ins Bett und bin immer noch froh, dass ich nicht ausfallend geworden bin.

Flankiert von Tanten und Onkeln lautete die einstimmige Frage:

“Warum bemühst du dich nicht mehr?”

Was antwortet man auf so eine Frage? Gar nichts, ich jedenfalls. Mir gingen die Sprüche aus; sogar auf Sinhala beherrschte ich das Wortspiel, aber das rettete mich auch nicht lange.

Ich praktiziere die “Augen-zu-und-durch-und-bloß-niemanden-erschlagen” Taktik. Rettete mich ans Meer, verlief mich in einem geheimen Garten und besuchte ein Kinderspital..

Solange visualisiere ich den baldigen Abflug und meine rosa Wolke in Innsbruck…

Auch mit höherem Alter wird es nicht einfacher zwischen zwei Stühlen zu sitzen; zu glauben, ich hätte es mir mit je einer Po-Backe auf einem Stuhl gemütlich gemacht, ist ein Irrtum. Es sitzt sich nie gemütlich und man ist dort wie da ein Alien…

2017 fade out

Ich gebe teilweise der Methodik, wie an unserer Abteilung Dienstplan geschrieben wird, die Schuld, dass das Jahr so schnell vorüber ging. Wenn man nämlich immer 3 Monate voraus planen soll, verliert das Jetzt seine Wirkung. Abgesehen davon, dass ich, die noch nicht mal das Prinzip von H-Milch (im Ernst, wer braucht Milch, die 3 Monate hält?) verstanden hat, sich Gedanken machen muss, was in 3 Monaten sein oder nicht sein wird. Spontanität, Sponta was?

Auch 2017 erfüllte ich mir einen lang gehegten Wunsch und reiste in den Iran. Das Alleinreisen war meins geworden. Ich war glücklich und entspannt. Mein Rucksack und ich. Ich ignorierte die paar wackel-Dackel-Köpfe und ihre Kommentare, was für eine waghalsige Tochter meine Eltern nicht hatten.

Ebenso habe ich dieses Jahr etwas Neues probiert. Nein, ich bin nicht zur Berggams avanciert. Ich habe elitepartner probiert. Ja, auch ich musste es mal sacken lassen, dass ich hunderte € bereit war zu blechen um gefunden zu werden. Natürlich wurde ich nicht gefunden. Zu einfach wäre doch langweilig. Im Gegenteil, ich wurde von den Mitgliedern des “+50 aber ich bin ja sooo fit im Schritt Clubs” favorisiert. Von anderen wegen meines nicht ganz so passendem Äußeren kurzerhand aussortiert, aber Wehe mir, ich erlaubte mir mal nicht zu antworten, dann erntete ich Tiraden über die Unflätigkeit einem so schön konstruierten und ausgefeilen Gedankenerguss nicht das nötige Maß Respekt gezollt zu haben.

Ob es auch meine Schuld gewesen sein könnte? Excusez-moi ? Was ist an MIR nicht perfekt? So wohlgeraten, zurückhaltend und den Knigge beherrschend!

Aber keine Sorge, ich hatte ein Date. Mit einem Arzt. (Könnte mir nächstes Mal bitte jemand ins Gesicht schlagen, wenn ich beginne zu denken, DAS wäre eine gute Idee?) es war ok. Definitiv ein zweites Kaltgetränk wert. Er war auch der Meinung, aber im Zuge von 2 (ganzen) Tagen, wandelte sich sein Leben wohl gar ruckartig, er habe doch keine Zeit für eine Beziehung.

Teure Angelegenheit für etwas zu zahlen, wofür man keine Zeit hat.

1 Date für 400€. Mit einer Freundin scherzte ich 2016 noch, “dating portal oder eine Handtasche?” Hätte ich bloß die Handtasche gekauft!

Was tut das leicht angeschrammte Ego? Man lade, nach fünfmal (und lauten Schwüren es nie wieder anzufassen) löschen, wieder Tinder runter. Gepriesen sei die Oberflächlichkeit, da hagelten die likes. Diesmal entschied ich mich dazu, die Fantastischen 4 für mich Werbung machen zu lassen mit “Die da”. Angebote über Angebote, von charmant über schwer legasthenisch zu “du kannst nur ein fake profil sein”. Keine Ahnung mit wievielen ich schrieb.

Ein Date Vorschlag war schwimmen zu gehen. Ich bin fast an meinem eigenen Lachen ertrunken.

Mit zwein spielte ich Termin-Pingpong bis der Ball abhanden kam. Ein anderer ließ mich auflaufen, weil ich evtl eine Liga zu hoch sein könnte. Ein, zugegeben – mea culpa- unsaft abserviertes, Date aus der Vergangenheit verlangte Rechtfertigung und rügte mich um mit dem Kommentar abzuschließen, ich hätte eh nicht gepasst.

Unterm Strich: es MUSS an mir liegen! ‘pft, what shalls!’, dachte ich. Ging auf eine wunderbare Hochzeit. Fing den Brautstrauss. Ums Verrecken hätte ich bei Völkerball den Ball nicht fangen können, aber aus der hinterste Reihe Blumen.

Also, DINGE flogen mit Begeisterung auf mich zu. Als Kind erklärte man mir Kärntner Bräuche, u.a zu Ostern Eier über das Haus zu werfen (wurde das vor oder nach der Auferstehung Jesu vollführt?). Drei mal dürft ihr raten, wem das Ei an den Kopf flog.

Wesentliches, wie der Traumjob oder (Traum-) Mann, verfolgte eine andere Flugroute: an mir vorbei.

Nun den Traumjob habe ich endlich, 30 Bewerbungen, eine Reise in den Thüringer Wald und etliche Mahnungen, ich solle es sein lassen später.

Traummänner gibt es auch etliche. Bin eine begabte Träumerin.

Während der Strauß Herbstblumen, etwas lädiert durch die vielen Hände, durch die es flog, auf mich zusegelte, traf mich die Erleuchtung: ‘Scheiß drauf!’ (an mir ist eine Philosophin verloren gegangen)

4 Tage später ging ich auf einen spätabendlichen süßen Chai und verlor mich in einem blauen Augenmeer.

Ich konnte es dieses Jahr nur schwer ertragen 34 geworden zu sein. Die Zahnräder in meinem Kopf drehten sich in einem schwindelerregenden Tempo ohne mich irgendwo hinzuführen. Aber auch ich wurde irgendwann erwachsen (ein wenig) : Ich fand Ruhe und Geduld. Mir den Moment bewusst zu machen und nicht die Nerven über Dinge zu verlieren, die ich nicht unter Kontrolle hatte, nahm mir eine Last. Geduld mit mir selbst, kein schlechtes Gewissen für meine Entscheidungen haben zu müssen.

We are here to laugh at the odds and live our lives so well that death will tremble to take us (C. BUKOWSKI)

Ich war und bin, wo ich sein soll. Jeder von uns ist da, wo er und sie sein soll. Beschleunigen kann ich nichts. Nur der Dinge harren, die noch kommen mögen und zu akzeptieren, dass meine Uhr anders läuft, aber deswegen nicht defekt ist.

Es war ein Jahr, in dem ich lieben Patienten und Wegbegleitern Adieu sagen musste.

Meine Verletzlichkeit ist manchmal eine Bürde, aber was wäre ich ohne sie? Wohl nicht ganz die Diyani, die ihr kennt.
Anstatt an meinen Wunden zu lecken und mein Pech zu beklagen, habe ich sie in Gold getaucht. Die Dunkelheit macht keine Angst mehr, wenn ich in ihr immer Sterne finde.

Loslassen ist nicht einfach, aber ist umso vieles wohltuender als Anhaften.

2018 the devil may care!

Die Hälfte der Welt   اصفهان نصف جهان 

Ich genoss die letzten 2 Tage meiner lang-ersehnten Iranreise in Isfahan.

Isfahan ist die Oase, auf die ich gewartet habe. Alleen von Grün spendeten Schatten und machten das Atmen leichter. 

Ich schlenderte durch den Bazar-e Bozorg, schnupperte an Gewürzen und erntete Safran (und nebenbei wunderte ich mich über die diversen männlichen Schaufensterpuppen, die hatten unterschiedliche Gesichter, der eine trug eine chice Seitenwelle, der andere hatte einen Lidstrich gezogen. Und manche, ja manche hatten nur ein halbes Gesicht!)

Wie ich so vom Masjed-e Jameh Moschee durch den Bazar wanderte, öffnete der sich auf einen riesigen sonnenbestrahlten Platz, dem Imam Square, einem wohl der größten Plätze der Welt in feiner safadisch- architektonischer Manier erbaut von Shah Abbas I.  Der Platz ist Dreh-und Angelpunkt all meiner Wege, hier spielt sich das Leben der Familien ab, spät nachmittags planschen die Kinder im Springbrunnen und andere Familien sitzen im Schatten und picknicken. Dieser Platz war frei von Sorgen.

Hier steht im Westen die Lotfollah (man beachte, der hier dargestellte Betende hält keine Hände gen Himmel) Moschee. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir noch etwas anderes als die Al-Mulk-Moschee in Shiraz den Atem rauben könnte (und zugegeben, ich war wohl etwas übersättigt von Gotteshäusern), bis ich unter die Kuppel der Lotfollah Moschee trat, diese war ausgekleidet in überbordender Farbenpracht, mit türkisfarbenen  gedrehten Verzierungen, die sich entlang der Bögen hoch und runterzogen und über ihnen eine gelb-goldene Weite!

Und im Osten der Al Qapu Palast, der mir die Inspiration gab, mein Luftschloss mit blumenranken-verzierte Wendeltreppe mit smaragdgrün befließten Stufen den letzten Schliff zu geben!

Im Norden des Imam Square steht die Shah Moschee, weitläufig, mit kleinen Höfen. Dort traf ich auf einen Islam-Gelehrten. Er bot mir karamelisierten Sesam an und wir redeten über meine Beweggründe, Iran zu bereisen. Viele Gelehrte, so beobachtete ich im Laufe der Zeit in Isfahan, boten “friendly discussions” mit Nicht-Moslems an, meist in kleineren Runden. Es reizte mich enorm, aber ich fühlte mich nicht wohl bei der Idee in einem Land, dass Meinungsfreiheit nicht als solche ansah, über Religion zu diskutieren.

Zum Verschnaufen saß ich im Shahid Rajai Garten und erlebte wechselnde Sitznachbaren, der eine las den Koran und wollte mir etwas daraus erklären und der andere rastete kurz im Schatten und drehte an seiner Misbaha. Ich kam mir ein wenig vor wie Forrest Gump, nur ohne Pralinen, Weisheiten hätte ich zuhauf parat gehabt!
Ich wurde ich auch in Isfahan angesprochen, neugierig beäugt und angefasst, diesmal bevorzugt von älteren Iranern, die stehen blieben, mich anlächelten und Fragen stellten, auf die ich jämmerlich mit “I don’t speak Farsi” antwortete und mir daraufhin mit einem Lächeln auf die Schulter klopften und jeder ging seines Weges. 

Um nochmal aufs Essen zu kommen, dass hier ja mehr eine Notwendigkeit als ein Genuss ist. Einen Vorteil hat das ganze (und der Ramadan), ich nehme ab! In Isfahan habe ich mir ein Steak and Cheese Sandwich in einem Laden besorgt, dessen Name Pizza Paneer war und als Logo ein EKG hatte. Mit Indien hat es so wenig zu tun wie das iranische Beryan mit dem indischen Biriyani und das EKG, wohl eine Warnung, dass bei zu viel von ihrem Menü zu ST-Streckenveränderung führen kann. 

Aber um fair zu bleiben, gab ich der iranischen Küche noch eine Chance und um ganz sicher zu gehen, ging ich bei Großmuttern Mittag essen. Und wer kann schon besser kochen als Siamma? (nur meine Mom) Zu einer minzigen Milch gab es… erm vergessen, Grandma hatte nämlich echt schnuckelige Enkel! Zum Nachtisch wurd mir (ein strahlendes Lächeln auf) Safraneis serviert und ich wurde der Küchenfee, der Mutter der sehr ansehnlichen Herren, vorgestellt! Ob das Essen geschmeckt hat, also sie hatten ganz außergewöhnlich graue Augen! 

Den lang ersehnten Kaffee genoss ich im kleinen Irooni Café am Imam Square. Ein so feines Plätzchen mit gedimmten Licht und angenehmer iranischer Musik im Hintergrund. Ich kann nicht mal sagen, wie viel der Eiskaffee gekostet hat, weil der Barista so abgelenkt hat, meine Bemerkung, dass der Kaffee “Very wonderful” sei, quittiert er mit “You too!”, manchmal können Verständigungsprobleme ein Segen sein! Ich hüpfte beschwingt, in der Überzeugung (ihr könnt sagen, was ihr wollt!), ich sei wonderful, aus dem Kaffee, bereit mich der Schacherei am  Bazar zu stellen!… und hab ihm (ich meine dem Café), nach einem Anblick der trostlosen Si-o-Se Tol Bridge über ausgetrocknetem Flussbett, noch einen Besuch abgestattet.

Isfahan. ich kann verstehen, wieso die wirklich eindrücklichen Erinnerungen meines Vaters an dieser Stadt hängen. Sie hat Flair, das joie de vivre, die so beschreibend ist für Großstädte. Schön, dass du mein Abschluss warst und mich hast vollends eintauchen lassen!

Das Sonnenstäubchen tanzet,
Vom Licht der Sonne’ ergriffen (Rumi, Zehnte Ghasele)

Es funkelt in Shiraz 

Als ich durch den Garten Eram flanierte, dünkte es mir mit ein wenig Grauen, dass je mehr ich reiste und je mehr ich Atemberaubendes sah, fantastische Gerichte aß und wundervoll charismatischen Menschen begegnete, desto höher und höher schraubten sich die Erwartungen an das nächste und neue Reiseziel. 

Ich bin besessen von Gärten, stets auf der Suche nach dem einem GEHEIMEN Garten, wie ich ihn mir beim Lesen von “Der Geheime Garten” (F. H. Burnett) mit 10 erschuf. Eram hätte es sein können, aber dafür ist es hier zu linealgeführt, zurecht gezogen und in Reih und Glied gestutzt. Eram ist ein botanischer Garten mit einem in der Sonne pastellfarben glitzerndem Bau. 

Umgeben von Rosengärten, die zu Frühlingsbeginn gewiss ein Augenschmaus sind, diversen Zitrusbäumen und jungen schwer behangen Granatapfelbäumen.

Als Kunde scholl: die Rose naht! die Blumen

Sich senkten huldigend aufs Knie der Rosen. (Rumi, 17.Ghasele) 

Als nächstes trugen mich meine, von dem 40°C angebrutzelten, Füße, denen die Begeisterung für Birkenstock nunmehr auf die Haut gebrannt war, zur Arg-e Karin Khan, Zitadelle des Karmin Khans. Erbaut im 18.Jhd wirkt es von außen wie eine Burg, durch das Tor getreten befindet man sich direkt in einem kleinen Garten mit zentralen Wasserstraße. In den einzelnen Räumen wird gerade restauriert und die goldbesetzten Deckenfresken ans Tageslicht gebracht. In zwei Räumen sind bodentiefe Mosaikfenster, durch die die Sonne bricht und den Raum in warmes rot und blau taucht. 

Nach einer kurzen Rast (und dem dringenden Wunsch, mir die Kleider vom Leib zu reißen, nicht nachgeben), ging ich in Begleitung von Mehdi, einem Hotelangestellten, zu Aramgah-e Schah-e Cheragh, der Begräbnisstätte von Amir Ahmad, dem König des Lichts und Mir Muhammad. Beides Brüder des Imam Reza. Es gilt als eine der wichtigsten Pilgerstätten der Shia Muslime. 

Nach einer peniblen Leibesvisitation und Abnahme der Kamera wurde ich mit einem Chador behangen (über meine bereits bestehenden 2 Schichten und Kopftuch – so eine Eigensaft-Behandlung bei 40°C muss bestimmte tolle Auswirkung auf Cellulite, verstopfte Poren und Falten haben! Wenn ich jetzt noch Yoga gemacht hätte, wäre ich unsterblich geworden) und von einer englisch sprechenden Mitarbeiter geführt. Die Stimmung war erhebend, einschüchternd und erdend zugleich. Es wurden zur gleichen Zeit Gebete gesprochen und ich durfte einen Blick in die neue Moschee werfen, wo Männer und Frauen sich in einem sehr zurückhaltend dekorierten Gebetsraum gegenüber saßen. Der Gegensatz dazu die alten Gebetsräume, in deren Mitte aus reinem Silber ein Schrein steht, die von Boden zur Decke aus Spiegelsteiben besetzt sind. Da durfte ich nicht hinein, aber ins Mausoleum von Sayyed Alaeddin Hossein

Und da war sie meine totale und absolute Verblüpftheit. Ich stand inmitten von Spiegelsteinen und bunten Glassteinen besetzten Gebetsraum, es war berauschend wie im Inneren eines Diamanten. Man trat barfuß auf teppichbesetzten Marmorboden und blickte gen Himmel, der über und über und ÜBER mit Kristall besetzt war! Phantastisch trifft es nicht im Ansatz. Im eigentlichen Gebetsraum, dessen Kuppeln ebenso glänzten wie frisch gefallener Schnee, erzählte mir der Guide über die 12 Imame und betonte gewisse Parallelen zum Christentum, denn er runzelte bei meiner Antwort,  ich sei Buddhist, die Braue und sprach, “you are Christian”. Na gut. Ich kam mir vor wie in der Schule, er zeigte auf reich verzierte Schriftzüge und fragte mich was ich denn sah und ich erntete Lob für meine Antwort, es seien arabische Buchstaben mit Blumenverzierung. Draußen vor der Moschee ging die Befragung weiter, wozu sei eine Minerett gut und warum sind da zwei, welche Form hat die Moschee und warum gibt es solche mit nur einer Minarett? Von der Minarett ruft der Muezzin zum Gebet (Adhan), jeweils eine steht für den Prophet und für den Imam, manche haben aber nur einen Propheten und keinen Imam,(auf meinen Schmäh, weil der Betende nur eine Hand gen Himmel halte, quittierte er mit Lachen) und die Form ist dem Betenden nachempfunden, die Kuppel sein Haupt.

Nach einem ausgedehntem Nickerchen und einer Dusche aber vor allem einer Auszeit vom Kopftuch, ging ich auf die Suche nach Abendessen und bin 5 vor Sonnenuntergang in ein Restaurant geplatzt, das noch das Besteck polierte und Säckeweis Essenslieferungen verschleppte. (auch das erinnert mich an Libanon, ganz gemütlich im Pyjama Essen und Shisha bestellen.) Um ehrlich zu sein, die Restaurants können hier nicht viel reißen, zumindest nicht im mittleren Preissegment (und für teures Essen ist meine Kassa zu schramm kalkuliert). Alles schmeckt eher fad und, das sag ich als Reis-Fanatische, mit so viel Reis überhäuft, dass nicht genug Souce da ist. Das allseits beliebte Kebab ist bei mir völlig durchgefallen, trockenes Fleisch mit einer gegrillten Tomate, und wen überrascht es, einem Berg Reis. 
In Tehran war ich in der Baby-Bedarfs-Strasse untergebracht, in Shiraz geh ich in der Elektro-Avenue essen. Wer auf der Suche nach einem Kinderwagen sich hier her verwirrt, hat gewaltig Pech!
Freitag stellt sich als Tag ohne Aktivitäten heraus, die alljährlichen Pro-Palästina Demonstrationen ziehen durch die Straßen. Ich habe es mir im Hof des Hotels mit einem Zimttee und Stefan Zweig, der in so schönen Bildern Wien die Liebe erklärt, dass ich ganz wehmütig wurde (wenn das Heimweh arg schlimm war, hab ich mich mit Geschichten von schönen Männern und happy Ends abgelenkt), verschlingend gemütlich gemacht. 

An dem Tag habe ich eine Mitbewohnerin bekommen, die so heftig an der Tür gerüttelt hat, nachts um 7:00, dass ich fast aus dem Bett gefallen wäre. Das war es dann mit meiner leicht bekleideten Erholung im Zimmer! Ich kann irgendwie den Drang nach FKK verstehen jetzt da ich jedesmal dem Kollaps nahe bin, wenn ich bei 40°C 3 Lagen ertragen muss. Aber ein Nudist wird wohl trotzdem keiner aus mir.

Um den großen Dichter Hafez die Ehre zu erweisen schlenderten wir vom Qoran Gate zu seinem Mausoleum, welches idyllisch in einer kleinen Anlage erbaut ist. Hafez gilt als einer der bedeutendsten Dichter hierzulande. 

Dein Gesicht schaute die Rose, Ha! da entglühte sie voll Scham, Sie spürte deinen Geruch und Zerfloss in Rosenwasser. 

Samstag Morgen waren wir um 8:00 an den Toren der Al-Mulk Moschee um den Winter-Gebetsraum zu bestaunen und tatsächlich, es war noch grandioser, als ich es mir ausgemalt hatte. Die Morgensonne stahl sich durch das bunte Glas der bodentiefen Fenster und warf ihr verspieltes Funkeln auf die weichen Perserteppiche.

 An eine Säule gelehnt sitzend, flog mein Blick über die Teppiche und Decken. Hier kam man zu sich, weich gebetet und von einem Regenbogen gebadet, rückte das Leben ein Stück zur Seite. Es wäre wohl zu schön gewesen, hätten nicht die einen oder anderen die Ruhe als Kulissen für ihre Selbstdarstellung genutzt. Wenn ein Selfie Lebensenergie rauben würde, paar würden insta(gram) tot umfallen. Ich bin sonst eher gelassen wenn es um typisch touristisches Verhalten geht, aber dieses ignorante Verhalten es ärgert mich gerade an Stätten der Besinnung und Ruhe. Also bin ich kurzerhand in eine “ja leg dich auf den Boden, toll wie das Licht fällt!” gefahren und hab sie ‘gebeten’ den anderen auch eine Chance zu geben zu fotografieren. 

Am Abend betrat ich noch ein Mal einen Spiegelraum in einem alten Anwesen und Schah-e Cheragh, dass bei Einbruch der Nacht in voller Pracht erstrahlte und seinem Namen alle Ehre machte! 
Shiraz ist eine Stadt reich an Geschichte und Kultur, prägend und entscheidend zur Zeit des persischen Reichs. In manchen Ecken und Gärten raschelt der Wind eines opulenten Königreichs, aber zu oft wird die Brise vom Chaos der Neuzeit verwirbelt.

Tor aller Länder

Persepolis ( تخت جمشيد Tacht-e Dschamschid „Thron des Dschamschid“, altpers.: Parsa)!

Die majestätische Stadt- Zeuge eines fortschrittversprechenden Zeitalters (die Stadt wurde gegen Entlohnung und nicht durch Sklaven errichtet und es fehlen kriegerische Reliefs), eine der Hauptstädte im antiken Persien, von Darius I gegründet und unter der Herrschaft nachfolgender Könige erweitert und schließlich von Alexander dem Großen 330 v.Chr zerstört. Warum, fragt man sich? Da müsste man wohl Alex höchst persönlich fragen, ob aus Rache an der Zerstörung Akropolis oder aus einem anderen Grund? Auch das Angebot sämtlicher Schätze der Schatzkammer konnten ihn angeblich nicht davon überzeugen, das Streichholz zu zücken. 

Ist es nicht die Bewunderung, die einer empfindet, wenn man solch grandioser Erschaffung durch Menschenhand ansichtig wird, die aber auch mit einer Brise Geheimnis und vielen offenen Fragen einhergeht, dass Neid auch irgendwo lauern muss? War es Ideologie oder Kriegsstrategie, etwas so wundervolles zu vernichten? Diese Frage stellen wir uns auch heute noch und mir fällt dazu nur ein, dass der Mensch dem Mensch, heute wie damals, ein Wolf ist. 

 
Wunderschön erhaltene Reliefs erzählen die Geschichte von einem mächtigen Reich und König, dem zu Ehren und zum Neujahrsfest Gesandt aus der ganzen Welt herbei kamen und Geschenke brachten.

Diese Reliefs sind besonders gut am Palast des Darius zu bestaunen. 

Erste Ausgrabungen wurden in den 30er Jahren durch deutsche Forscher geleitet und 1979 wurde Persepolis zum Weltkulturerbe erklärt. 

Nachfolger Darius I und er selbst ließen in einer Mauer unweit von Persepolis Grabstätten meiseln, Naqsh-e Rostam (نقش رستم), welche aber geplündert wurden. Die behauenen Felsen erinnern (ein klitzekleines Bisschen wohlbemerkt, NICHTS kann dem Majestätischem Petras das Wasser reichen, an Petra, nur das in Naqsh-e Rostam nie jemand gelebt hat. 

Von dort ging es weiter in die 1. Stadt des Perserreichs, Pasagad ( پاسارگاد Pāsārgād; griechisch Πασαργάδαι), welche von Kyros II auf einer Fläche von 300ha erbaut wurde. Viel zu sehen gibt es nicht, bis auf einige Reste des Palastes und das Grabmal Kyros II, welcher dazumal von einem großen Garten umgeben war.
Unser letztes Ziel war die kleine Wüstenstadt Yazd, dorthin führten die Straßen entlang an Pistazienfeldern und Wüste. Die Berge ließen wir hinter uns. 
Yazd ist beschaulich mit einer sehenswerten Altstadt, deren Gassen eng und die Bögen tief sind. Alles aus Lehm und Stroh gebaut.

Interessant sind in Yazd die vielen Windtürme, die über die Stadt ragen und als ausgeklügeltes Kühlungssystem frischen Wind in die Gemäuer haucht.

Salam روز به خیر Tehran

Prolog

Ehrlich, das mit mir und dem Wandern bzw den Wanderschuhen, das klappt nicht, ähnlich wie mit Männern (ziemlich egal ob Variante “jetzt hab dich nicht so und schraub deine Ansprüche zurück = 14,99€ Plastik Schuhe und so peinlich, dass nur im dunklen getragen werden darf, oder “Alter Diyani, selbst seine Oma warnt dich vor ihm= 249,99€ muss ich haben sonst sterbe ich Heels, einmal getragen, fast den Hals damit gebrochen und als Mahnmal ausgestellt. Bei Trekkingschuhen fällt mir der Vergleich, aber so weit scheitert es ja schon beim Anziehen, hierzu fällt mir nur der verzweifelte Versuch meiner Familie ein, mich zu verkuppeln, sie kommen selten weiter als, “sein Horoskop ist vielversprechend”) 
Man stelle sich vor, Wanderschuhe sollten eingetragen werden, sonst sind die nämlich hart wie Beton! Kurzerhand ausgezogen, für den (steht aber noch in den Sternen) nächsten Ausflug auf die Nordkette in die staubige (bescheuerte-blasen-machende-Latschen) Ecke geschleudert, und in die ausgelatschten Pumas geschlüpft! Und das alles um 4:30 früh.


Tehran
 

Während ich das hier schreibe, liege ich im Hotel in nur T-shirt bekleidet am Bett, sozusagen Kontrastprogramm zum in der Öffentlichkeit notwendigen Bedecktheit, und esse einen Brownie aus der Minibar, da wegen Ramadan noch alles zu hat, das so viele E-Nummern hat, dass es nur eine Frage der Zeit sein kann, dass mir eine 2.Nase wächst. 

Ich ließ mich treiben. Nahm um der Hitze zu entkommen die U-Bahn und da schafft man sich oft den besten Eindruck. Allen Metro(polen) ist ein Verhalten gemein: der leere Blick ins Nichts. 

Schnell merkte ich, dass es auch beim Ubahnfahren Regeln gibt, es gibt eigene Women-Only Wagons. Ich find das super. Manche Damen lassen für paar Minuten das Tuch vom Haar rutschen und es ist ein merkwürdig entspanntes Gefühl nicht angeglotzt zu werden und ich werde viel angeschaut, die Kombination aus dunkler Haut und dann auch noch gekleidet: wie ein Kolibri im rosa geblümten Kopftuch, das seiner Gefangenschaft entkommen ist. In Indien wird im Zug Essen, Süßes, Tee und Wasser verkauft, hier in Tehran Turnschuhe, Kochlöffel, bunte Haarsträhnen und BHs! Wäre ich lang genug unterwegs, könnte ich meine gesamte Unterwäsche hier besorgen! 

Seit heute 10:00 bin ich wieder mal Millionärin. Aber auch nur in Rial, in der Alternativwährung (Toman, welche 1925 die Landeswährung war und im Dezember 2016 als neue angekündigt wurde aber bisher noch nicht in Kraft getreten ist), die hier – frecherweise ohne Kenntnis des Reisenden (ok nur meiner Wenigkeit), verwendet wird (sie tun einfach eine Null weg), bin ich nur fast– Millionärin. Ich hab eine beunruhigend große Menge Geldscheine mit mir und diese vielen Nullen überfordern mich auch diesmal. Sinnlose Papierverschwendung. 

Ich bin durch den gut gepflegten Garten des Golstan Palace gelaufen. Und hab diese Ruheoase sehr genossen, so nah am geschäftigen Bazaar. Ich habe während des Spaziergangs die griechischen Säulen meines Luftschlosses kurzerhand gegen glitzernde ersetzt, wie sie hier zu sehen waren, welche mit Glasplättchen besetzt sind, ich muss euch ja nicht sagen, wie das in der Sonne glitzert und wer steht auf ein bisschen Glitter über ihr Leben gestreut? 

Mein nächster Punkt war die ehemalige US Botschaft. Es gibt ein dazugehöriges Museum, dessen Öffnungszeiten ein Kuriosum für sich darstellt. Rein theoretisch hätte es offen, praktisch aber gar nie.
Als letztes bin ich in einem kleinen Park gelandet, in dem Skulpturen ausgestellt sind, Menschen Gymnastik machen, junge Paare sich zum Stelldichein unter einem Baum treffen und wo ein alter Mann Wasser zu den Füßen einer Statue goss und mich heranwinkte. Er zeigte auf ein Vogelnest aus Steingut, an dessen Rand ein Vogel über zwei Eier wachte. Er lächelte und deutete auf die Eier, die er mit Wasser bedeckt hatte. Ich verstand kein Wort, aber sein Lächeln war so ansteckend, ich musste mitlachen. Der zynische Stimme in mir flüsterte zwar, “der war wohl nicht so häufig im Bio-” Unterricht, hmmm?” versuchte ich kein Gehör zu schenken. Trotz der überwältigenden Hektik, stickigen Luft und der sohlen-verglühenden Hitze, war hier jeder freundlich zu mir. Und da es bei mir ein Lächeln für Lau gibt, hatte ich gut was zu tun. 

Die Stadt an sich blieb mir eher verschlossen, irgendwo gibt es die Rückzugsmöglichkeiten, aber ich fand sie nicht. Diese Stadt ist wie viele Städte, mega stressig, laut und staubig, Horden von gehetzten Arbeitsbienen und die Geburtsstätte des rücksichtslosen Verkehrs. Es würde mich nicht wundern, wenn der eine oder andere beim Kreuzen des Zebrastreifen Begegnung mit der Motorhaube eines Taxis macht oder einen Reifenabdruck eines dieser wahnwitzigen Motorräder am Schuh verewigt bekommt.

 Mein lebensnotwendiges Verweilen in kleinen Cafés muss leider, dem Ramadan Respekt zollend, bis Montag ausbleiben. Wie groß der Unterschied doch ist, wenn man in einem Land als Tourist umher wandert oder ein Teil des Lebens ist. Im Libanon fiel mir der Ramadan nie  vor dem allabendlichen Feuerwerk auf, unter Tags waren wir dank der einheimischen Kollegen und umliegender Restaurants, die zum Glück nicht alle zu hatten, stets versorgt. Hier im Iran hab ich noch keinen einzigen Supermarkt gefunden, das Leben findet am Bazar statt und die Einkäufe erledigt man im Laden um die Ecke. So hab ich auch unweigerlich zw Frühstück (die Interpretation des Hotels in Tehran: Kuchen! Dazu Schafskäse, Auswahl an Gurken, Datteln und Wassermelone. Da hat wer Marie Antoinette etwas allzu wörtlich interpretiert, oder der Koch litt unter ausgeprägten Schwangerschaftsgelüsten. Zum Abendessen gab es kein Messer, zum Frühstück gleich zwei.) und Abendessen gefastet. Bis dahin war ich so hungrig, dass ich, aber nicht weniger auch deswegen, weil der Kellner wie ein Rabe mit seinem Kugelschreiber im Anschlag über mir wachte, die Karte nur 1 Seite kurz war und sie nur EINE Karte hatten, dass ich kurzentschlossen auf irgendwas in der Sektion ‘main’ zeigte. Mal war es Kebab, (wusstet ihr, dass Löffel nicht schneiden?!) und das andere Mal (Lerneffekt: Vermeiden von Gerichten, die ein Messer notwendig machen) Melanzani Stew mit Überraschung: wer denkt, das wäre vegetarisch, war spätestens beim Anheben der ersten Melanzani Scheibe eines besseren belehrt. 

Dem Treiben Tehrans den Rücken kehrend geht’s weiter nach Shiraz….