Es funkelt in Shiraz 

Als ich durch den Garten Eram flanierte, dünkte es mir mit ein wenig Grauen, dass je mehr ich reiste und je mehr ich Atemberaubendes sah, fantastische Gerichte aß und wundervoll charismatischen Menschen begegnete, desto höher und höher schraubten sich die Erwartungen an das nächste und neue Reiseziel. 

Ich bin besessen von Gärten, stets auf der Suche nach dem einem GEHEIMEN Garten, wie ich ihn mir beim Lesen von “Der Geheime Garten” (F. H. Burnett) mit 10 erschuf. Eram hätte es sein können, aber dafür ist es hier zu linealgeführt, zurecht gezogen und in Reih und Glied gestutzt. Eram ist ein botanischer Garten mit einem in der Sonne pastellfarben glitzerndem Bau. 

Umgeben von Rosengärten, die zu Frühlingsbeginn gewiss ein Augenschmaus sind, diversen Zitrusbäumen und jungen schwer behangen Granatapfelbäumen.

Als Kunde scholl: die Rose naht! die Blumen

Sich senkten huldigend aufs Knie der Rosen. (Rumi, 17.Ghasele) 

Als nächstes trugen mich meine, von dem 40°C angebrutzelten, Füße, denen die Begeisterung für Birkenstock nunmehr auf die Haut gebrannt war, zur Arg-e Karin Khan, Zitadelle des Karmin Khans. Erbaut im 18.Jhd wirkt es von außen wie eine Burg, durch das Tor getreten befindet man sich direkt in einem kleinen Garten mit zentralen Wasserstraße. In den einzelnen Räumen wird gerade restauriert und die goldbesetzten Deckenfresken ans Tageslicht gebracht. In zwei Räumen sind bodentiefe Mosaikfenster, durch die die Sonne bricht und den Raum in warmes rot und blau taucht. 

Nach einer kurzen Rast (und dem dringenden Wunsch, mir die Kleider vom Leib zu reißen, nicht nachgeben), ging ich in Begleitung von Mehdi, einem Hotelangestellten, zu Aramgah-e Schah-e Cheragh, der Begräbnisstätte von Amir Ahmad, dem König des Lichts und Mir Muhammad. Beides Brüder des Imam Reza. Es gilt als eine der wichtigsten Pilgerstätten der Shia Muslime. 

Nach einer peniblen Leibesvisitation und Abnahme der Kamera wurde ich mit einem Chador behangen (über meine bereits bestehenden 2 Schichten und Kopftuch – so eine Eigensaft-Behandlung bei 40°C muss bestimmte tolle Auswirkung auf Cellulite, verstopfte Poren und Falten haben! Wenn ich jetzt noch Yoga gemacht hätte, wäre ich unsterblich geworden) und von einer englisch sprechenden Mitarbeiter geführt. Die Stimmung war erhebend, einschüchternd und erdend zugleich. Es wurden zur gleichen Zeit Gebete gesprochen und ich durfte einen Blick in die neue Moschee werfen, wo Männer und Frauen sich in einem sehr zurückhaltend dekorierten Gebetsraum gegenüber saßen. Der Gegensatz dazu die alten Gebetsräume, in deren Mitte aus reinem Silber ein Schrein steht, die von Boden zur Decke aus Spiegelsteiben besetzt sind. Da durfte ich nicht hinein, aber ins Mausoleum von Sayyed Alaeddin Hossein

Und da war sie meine totale und absolute Verblüpftheit. Ich stand inmitten von Spiegelsteinen und bunten Glassteinen besetzten Gebetsraum, es war berauschend wie im Inneren eines Diamanten. Man trat barfuß auf teppichbesetzten Marmorboden und blickte gen Himmel, der über und über und ÜBER mit Kristall besetzt war! Phantastisch trifft es nicht im Ansatz. Im eigentlichen Gebetsraum, dessen Kuppeln ebenso glänzten wie frisch gefallener Schnee, erzählte mir der Guide über die 12 Imame und betonte gewisse Parallelen zum Christentum, denn er runzelte bei meiner Antwort,  ich sei Buddhist, die Braue und sprach, “you are Christian”. Na gut. Ich kam mir vor wie in der Schule, er zeigte auf reich verzierte Schriftzüge und fragte mich was ich denn sah und ich erntete Lob für meine Antwort, es seien arabische Buchstaben mit Blumenverzierung. Draußen vor der Moschee ging die Befragung weiter, wozu sei eine Minerett gut und warum sind da zwei, welche Form hat die Moschee und warum gibt es solche mit nur einer Minarett? Von der Minarett ruft der Muezzin zum Gebet (Adhan), jeweils eine steht für den Prophet und für den Imam, manche haben aber nur einen Propheten und keinen Imam,(auf meinen Schmäh, weil der Betende nur eine Hand gen Himmel halte, quittierte er mit Lachen) und die Form ist dem Betenden nachempfunden, die Kuppel sein Haupt.

Nach einem ausgedehntem Nickerchen und einer Dusche aber vor allem einer Auszeit vom Kopftuch, ging ich auf die Suche nach Abendessen und bin 5 vor Sonnenuntergang in ein Restaurant geplatzt, das noch das Besteck polierte und Säckeweis Essenslieferungen verschleppte. (auch das erinnert mich an Libanon, ganz gemütlich im Pyjama Essen und Shisha bestellen.) Um ehrlich zu sein, die Restaurants können hier nicht viel reißen, zumindest nicht im mittleren Preissegment (und für teures Essen ist meine Kassa zu schramm kalkuliert). Alles schmeckt eher fad und, das sag ich als Reis-Fanatische, mit so viel Reis überhäuft, dass nicht genug Souce da ist. Das allseits beliebte Kebab ist bei mir völlig durchgefallen, trockenes Fleisch mit einer gegrillten Tomate, und wen überrascht es, einem Berg Reis. 
In Tehran war ich in der Baby-Bedarfs-Strasse untergebracht, in Shiraz geh ich in der Elektro-Avenue essen. Wer auf der Suche nach einem Kinderwagen sich hier her verwirrt, hat gewaltig Pech!
Freitag stellt sich als Tag ohne Aktivitäten heraus, die alljährlichen Pro-Palästina Demonstrationen ziehen durch die Straßen. Ich habe es mir im Hof des Hotels mit einem Zimttee und Stefan Zweig, der in so schönen Bildern Wien die Liebe erklärt, dass ich ganz wehmütig wurde (wenn das Heimweh arg schlimm war, hab ich mich mit Geschichten von schönen Männern und happy Ends abgelenkt), verschlingend gemütlich gemacht. 

An dem Tag habe ich eine Mitbewohnerin bekommen, die so heftig an der Tür gerüttelt hat, nachts um 7:00, dass ich fast aus dem Bett gefallen wäre. Das war es dann mit meiner leicht bekleideten Erholung im Zimmer! Ich kann irgendwie den Drang nach FKK verstehen jetzt da ich jedesmal dem Kollaps nahe bin, wenn ich bei 40°C 3 Lagen ertragen muss. Aber ein Nudist wird wohl trotzdem keiner aus mir.

Um den großen Dichter Hafez die Ehre zu erweisen schlenderten wir vom Qoran Gate zu seinem Mausoleum, welches idyllisch in einer kleinen Anlage erbaut ist. Hafez gilt als einer der bedeutendsten Dichter hierzulande. 

Dein Gesicht schaute die Rose, Ha! da entglühte sie voll Scham, Sie spürte deinen Geruch und Zerfloss in Rosenwasser. 

Samstag Morgen waren wir um 8:00 an den Toren der Al-Mulk Moschee um den Winter-Gebetsraum zu bestaunen und tatsächlich, es war noch grandioser, als ich es mir ausgemalt hatte. Die Morgensonne stahl sich durch das bunte Glas der bodentiefen Fenster und warf ihr verspieltes Funkeln auf die weichen Perserteppiche.

 An eine Säule gelehnt sitzend, flog mein Blick über die Teppiche und Decken. Hier kam man zu sich, weich gebetet und von einem Regenbogen gebadet, rückte das Leben ein Stück zur Seite. Es wäre wohl zu schön gewesen, hätten nicht die einen oder anderen die Ruhe als Kulissen für ihre Selbstdarstellung genutzt. Wenn ein Selfie Lebensenergie rauben würde, paar würden insta(gram) tot umfallen. Ich bin sonst eher gelassen wenn es um typisch touristisches Verhalten geht, aber dieses ignorante Verhalten es ärgert mich gerade an Stätten der Besinnung und Ruhe. Also bin ich kurzerhand in eine “ja leg dich auf den Boden, toll wie das Licht fällt!” gefahren und hab sie ‘gebeten’ den anderen auch eine Chance zu geben zu fotografieren. 

Am Abend betrat ich noch ein Mal einen Spiegelraum in einem alten Anwesen und Schah-e Cheragh, dass bei Einbruch der Nacht in voller Pracht erstrahlte und seinem Namen alle Ehre machte! 
Shiraz ist eine Stadt reich an Geschichte und Kultur, prägend und entscheidend zur Zeit des persischen Reichs. In manchen Ecken und Gärten raschelt der Wind eines opulenten Königreichs, aber zu oft wird die Brise vom Chaos der Neuzeit verwirbelt.

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