Florenz oder eine illegale Diyani? 

Ausflüge mit der Familie waren für mich als Teenager wie eine gagenfreie Teilnahme bei “Holt mich hier raus”. Der Dschungelcamp war de auf kleinem Raum konzentrierten Familienmitglieder mit einziger Fluchtmöglichkeit ins Klo. So was muss daher gut überlegt sein, längere Gesprächspausen und Kontakt zu Babies müssen strikt vermieden werden, denn sonst folgt, was folgen muss: ‘Ayooo, wir werden nie Enkelkinder hoppern dürfen. Unsere egoistischen Kinder werden uns diese Freude wohl nie machen. Ihr bringt uns noch ins Grab und dann werdet ihr schon verstehen!’

Aber um etwas wesentlich wichtigeres hatte ich zu wenige Gedanken verschwendet:

Als ich in Vorbereitung auf meine Iran-Reise meinen Reisepass aushändigen musste, hatte ich schon ein ungutes Gefühl. Ohne meinem Pass? ‘Ja, kein Problem. Das machen wir immer so, für Reisen innerhalb Europas ist eine Kopie ausreichend’, lauteten die Worte der Reisekauffrau. Die Worte des, durch meine Vehemenz etwas unrunden, Busfahrers: ‘Bei uns gelten andere Richtlinien, ich werde zu Ihrem Schlepper, wenn ich Sie mitnehme! ‘

‘Ich war eh schon lang nicht mehr abgeschleppt worden’, dachte sich mein sarkastisch-amüsiertes  Ich, mein innerlich tobendes, nach außen hin mit all ihren Ausweisen um sich werfendes, Ich wäre am liebsten mit der rechten Hand an mein Herz greifend theatralisch zusammen gefallen! Ich darf nicht mit, ich muss hier bleiben, am Villacher Bahnhof! Nichts ahnte ich bei dieser Überzeugungsarbeit von dem Stress, der mir bevor stand, als die italienische Grenzpolizei zustieg. 

Die Ö24 Schlagzeile: 

Ausländerin versucht illegale Ausreise und gibt sich  als Ärztin aus! 

Nun. Ich durfte mitfahren. Nur als die Polizia kurz vor den Toren Italiens den Bus anhielt, erlitt ich einen kleinen Schlaganfall. (Der Busfahrer hoffentlich nicht.)

Ganz cool, meine Gangster-Gelassenheit ausgepackt, streckte ich dem Polizisten die Farbkopie entgegen. Er lächelte, ‘ah Austria!’, und ging weiter. 

Da erlitt ich das Erleichterungs-Schlagerl. 

In meinen anschließend zu hauf geführten Gesprächen erfuhr ich Folgendes:

Das Außenministerium informierte mich, dass ich genau vor Italien hätte Probleme bekommen können, denn all meine Dokumente wären nur als Jausenpapier gut gewesen, und ich glaub in einem italienischen Gefängnis gibt es keine Wurstsemmeln.

Die Botschaft in Rom erklärte, dass die Kontrollen wegen dem bevorstehenden G7 Gipfel stattfanden. 

Beide konnten mir aber keine Lösung für eine glimpfliche Einreise nach Österreich nennen. Wie es weiterging, weiter unten. 

An 1.Tag ging es, wie es sich für brave Touristen gehört, zum Dom. Ein imposanter Bau, steht im Reiseführer. Ein gestreiftes Ufo inmitten von engen Gassen, sage ich. So platziert, dass man von  den Enden mehrer Gassen einen Blick darauf haben konnte. 

Heinrich Heine beschreibt den Dom so und trifft es gar gut:

In der Ferne scheint es, als sei er aus weißem Postpapier geschnitzelt, und in der Nähe erschrickt man, daß dieses Schnitzwerk aus unwiderlegbarem Marmor besteht. Die unzähligen Heiligenbilder, die das ganze Gebäude bedecken, die überall unter den gotischen Krondächlein hervorgucken, und oben auf allen Spitzen gepflanzt stehen, dieses steinerne Volk verwirrt einem fast die Sinne. Betrachtet man das ganze Werk etwas länger, so findet man es doch recht hübsch, kolossal niedlich, ein Spielzeug für Riesenkinder.

Dabei wurde die Kuppel im 15.Jhd errichtet um ein Loch zu stopfen! Und der Maurer, Brunelleschi,  für seine Unerfahrenheit erst belacht (das Ding werde über ihm zusammen brechen) und dann als einziger Nicht – Geistlicher in der Krypta des Doms beerdigt. 

Um den täglich gesunden 10000 Schritte näher zu kommen, stiegen wir 414 Stufen (Da Menschen, die an Herzkrankheiten  (und solche, die an Quengeleritis) leiden besser nicht hinauf marschieren sollen, gönnte sich unser Vater zu Fuße des Doms einen teuren Espresso) zum Glockenturm hinauf. Schwindel?  Ich? Iwo… Gute solide Steintreppen umgeben von dicken Mauerwerk. Bissl platzängstlich wurde ich (mir kann man es auch nie recht machen) aber wohl. 

Von  weit oben erstreckt sich Florenz in all ihrer italienischen Terracotta- Pracht bei blauestem Himmel unter uns.

Vorbei am Palazzo Medici ging es dann in Richtung… 

David

 

in der, eigens für ihn im 19.Jhd erbauten, Galleria dell’ Accademia

Unbestritten. Ein schöner Mann… Sein Blick schweift weit über unsere Köpfe hin weg, seiner Wirkung allzu bewusst (und das, obwohl er vorher nur ein ungehauener Marmor war, der das Glück hatte durch Michelangelos Hände zu gleiten)  aber mit einem Anflug von Zweifel, die seine Stirn in Falten wirft. Sein prächtiger Gluteus erhebt sich stramm über eine in Reihe sitzender glotzender Zuschauer und sein viel belachtes gutes Stück verliert irgendwie bei all der restlichen Pracht an Signifikanz.

Ich war schon ziemlich hingerissen. 5m großer Mann! Ich ging noch dreimal zurück um ihn mir einzuprägen (für den Fall, dass ich im Gefängnis sitzend nie mehr einer solchen Vollendung ansichtig werde) 

2.Tag

In der Galleria degli Uffizi wird hinter Glas die wunderbare Geburt der Venus von Botticelli präsentiert- der erste weibliche Aktion der Neuzeit. Während ich da so stand und einfach bewunderte, wie ihr Haar die Sonne einfängt und im Wind zieht,  Rosen sie umflattert und sie wahrlich den Eindruck macht, eben auf die Erde gepurzelt zu sein und sich überhaupt nicht darüber bewusst war, dass sämtliche Götter um ihrer Ankunft wegen soviel Aufhebens machen, wird ein Selfie nach dem anderen mit Venus im Hintergrund geschossen. Warum? Warum? 

Eine besonders gute Idee war der Gipsnachbau für sehbehinderte nebst dem Gemälde, sehr detailliert und fühlt sich so wunderbar an wie sie sich ansieht. 

Venus (Aphrodite für eure Griechen unter Euch) ist die Tochter des Meeres, in das der Samen des durch Saturn (Kronos) entmannten Uranus fiel (all das angestiftet von einer Frau, Geia). Venus  wird mit Hilfe von Zephyr und Chloris sanft an die Küste von Zypern in die Arme von Genius, die mit einem Blumengewand wartet sie zu bedecken, geweht. 

 Die Uffizien bergen einige, wenn nicht die, bedeutendsten Renaissance Maler. Und als Prachtraum das Tribunal mit einem Kuppeldach, das über und über mit Perlmutt besetzt ist (6000 Muscheln). 

Und als besonderes Besondernis: Da Vincis unvollendete Adorazione dei Magi

Und vielleicht hat er beim Schaffen von Annunciazione schon geahnt wie essentiell heute die Selbstdarstellung ist… 

Ach, und was wäre ein Tag in Florenz ohne ein Stelldichein mit David? Wenn auch nur mit seinen Doubles in Gips und Bronze. (ich lasse meiner Fantasie zu Liebe den homoerotischen Aspekt, der mir nicht entgangen ist, bewusst weg.) 

Zum Abschluss des Tages erhaschten wir noch einen Blick vom Piazzale Michelangelo über die Stadt hinter der sich dicke Regenwolken formierten. Von der Anhöhe erst wird einem die Wucht des Doms bewusst, wie er thront und sich erhebt, wie die Kirche aller Kirchen. 

Ob ich nun hinter Gitter sitze? Die Minuten über die Grenzen waren etwas stressig und ich verstehe noch immer nicht warum es für EU Bürger nicht auch andere Möglichkeiten gibt. Aber im Prinzip habe ich einen Fehler gemacht und tu mir gerade schwer, ihn mir einzugestehen… 

Peace and out… 

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