My name is

Ich lese zur Zeit “The Namesake”(deutsch:” Der Namensvetter”) von Jhumpa Lahiri. Es erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der als Sohn indischer Migranten in den USA zur Welt kommt. Wie es halt so Brauch ist in Indien, wählt die Großmutter mütterlicherseits den Namen, aber Ende der 60er Jahre war ein Telefon in indischen Haushalten ein Luxusgut und so selten gesehen, also schickte die Großmutter den Namen per Post, vier Wochen vor der Geburt aber der Brief kam nie an.
Um das Krankenhaus verlassen zu dürfen musste eine Geburtsurkunde ausgestellt werden, dabei durfte das Feld für den Vornamen aber nicht leer stehen. So wählte der Vater kurzerhand “Gogol”, dies sollte der Kosename sein, der richtige stand im Brief, der verloren ging.

Ich bin noch mitten im Buch aber schon so hingerissen von den Parallen, die doch jedes Kind erlebt, dass zwischen zwei Kulturen aufwachsen muss.
Aber auch weil mich die Namensgebung an meine Familie und mich erinnert.
Ich habe fünf Namen, bei denen ich gerufen werde.

Diyani
Dhoni
Upeka
Dee
Ditsch

Diyani ist mein “richtiger” zur Identifikation in der Öffentlichkeit zunutzender Name.

Dhoni werde ich von allen in meiner Familie genannt, weil ich die Erstgeborene bin. Außer meiner Familie nennt mich sonst niemand so und darf auch nicht, damit assoziiere ich seit meiner Kindheit meine Familie.

Upeka ist mein zweiter Name, der nur in offiziellen Urkunden Erwähnung findet, aber meinem Vater wohl sehr am Herzen liegt, weil er mich früher allen seinen österreichischen Freund als Upeka vorgestellt hat. Die wussten lange überhaupt nicht, dass ich Diyani heiße. Unter anderem.

Dee war oder ist mein Spitzname unter meinen Freunden, den ich selbst kreiert und in Umlauf gebracht hatte als mir “Ditsch” zu albern wurde.
Zugegeben Ditsch ist ein Relikt und Dee verwenden nur noch wenige.

In Sri Lanka wählt man nicht einfach nach Lust und Laune den Namen für sein Kind, die Sternenkonstellation ist von entscheidender Bedeutung. Anhand derer den Eltern drei Buchstaben vermittelt werden. In meinem Fall waren es so ungünstige, dass kein Namen daraus zu bilden war. So wählte mein Vater “Diyani”, die altsinghalesische Bezeichnung für “Tochter”.
Mein Bruder heißt Kasun und das bedeutet Gold, nur so viel dazu. Ich bin die Tochter meines Vaters.

Als Jugendliche wollte ich wissen wieviele Menschen es gab, die den gleichen Namen trugen wie ich und durchforstete das Internet, damals noch mit Yahoo (vielleicht war das ja das Problem). Nil.

Mit Neiderfüllten Augen haben ich in Sri Lanka die Firmenschilder gelesen, in denen ich die Namen meiner Familie wiederfand, Gamini, Ajantha, Kasun. Corporation, Enterprises und Co. Aber kein Diyani Store.

Singhalesen, die der alten Sprache noch mächtig waren amüsierten sich über meinen Namen, manche glaubten glatt, ich wollte sie veralbern, wenn ich ihnen meinen Namen nannte. (was aber bei meiner Veranlagung zum Sarkasmus nicht weit hergeholt wäre, aber was meinen Namen anging war ich etwas sensibilisiert)
Paradoxerweise führte, dass ich nicht besonderen Wert darauf legte, wie man meinen Namen aussprach, abgesehen davon, dass mir das ewige Wiederholen und Vergleichen mit Diana auf den Keks ging. Man nannte mich DiJAnii , DijanA, Düiani, Deijani, oder gar “die Anni”(das schoß bisher den Vogel ab) aber nur die wenigsten sprechen ihn richtig aus: Dijeni (kurz auf allen Silben).

Upeka bedeutet Gleichmut und meine Eltern trugen sich wohl mit der eitlen Hoffnung, ich würde mich an dieses Gebot in Buddhismus halten. Aber ich bin nur selten gleichmütig, es erfordert einen ziemlichen Aufwand an Kraft, den ich bisher nur in seltenen Momenten als den Umstand wert empfunden hatte.

Name ist Identifikation, Identität und Selbstwahrnehmung.
Mit jedem der fünf Namen sind unterschiedliche Seiten an mir verknüpft.
Ich bin Dhoni akka für meinen Bruder, auch wenn der mich schon ewig nicht mehr so nennt außer er telefoniert mit der Mama- aber ich nenne ihn auch nicht Malli, und meine jüngeren Cousinen.
In Sri Lanka sind diese Beinamen von großer Wichtigkeit, sie zeugen von Respekt und Wertschätzung.
Akka bedeutet große Schwester
Malli kleiner Bruder
Ich durfte meine älteren Cousinen nie bloß bei ihrem Vornamen nennen, es musste immer ein Akka oder Ayya davor. Nur bei jüngeren durfte Nangi und Malli weggelassen werden.

Im Deutschen gibt es Tante, Onkel, Schwester und Bruder.
Im Singhalesischen gibt es viele Nuancen dazwischen.
Jeder in der Familie wird anhand dieses Codes chronologisch erfasst und zueinander in Beziehung gestellt.
Mein Vater, als Erstgeborener, ist der Lokku-Tatha oder Lokku-Ayya, die Tautologie unterstreicht nochmal seine Stellung in der Familie. Unanfechtbar.
Meine Mama ist Punchi, die Kleinste, weil sie die jüngste der drei Töchter ist.
Ihre älteste Schwester ist für mich Lokku-Amma, aber ich nenne sie versehentlich oft Nentha was ihrer Stellung als Erstgeborene natürlich überhaupt nicht gerecht wird. Aber diese vielen Beinamen verwirren meinen Bruder und mich, wie haben nie eine Ahnung, wer wie anzusprechen ist, so dass wir es zu vermeiden versuchen.
Als “Aunty” werden prinzipiell alle Freundinnen der Eltern oder irgendwelche anderen Frauen genannt, das gleiche gilt für “uncle”. Da familiäre Personen immer einen Code haben, führt das in Sri Lanka nie zu der Verwirrung, die es hier verursacht, weil wir jeden oder jede aunty und uncle nennen.

Wieviel trägt der eigene Name zur Selbstbildnis bei? Tut es mir schlecht, so viele Namen zu haben?
Er ist ein Teil meiner Eltern und ihrer Idee von mir.
Er gibt Orientierung. Ohne Namen würde mir ein Bezugspunkt zu mir fehlen, der Anker zu meiner Herkunft, was in meinem Fall zur Fantasie meines Vaters führt.

Ich bin Diyani und darin haben sich in den letzten 32 Jahren sehr viele Bilder gefesselt wie die bunten Glasperlen an den meterlangen Ketten, die ich als teenie in mehreren Schlingen um mein Handgelenk trug.
Bilder über wie ich sein will, im Kontrast zu den Erwartungen wie ich zu sein habe, Bilder über die Worte, die ich sprach und schrieb und für immer an mich erinnern, ob im guten oder schlechten Sinn. Bilder über die Strapazen, die meine Eltern mit mir erdulden müssen.
Das eine Bild aber, dass ich nämlich die Tochter meiner Eltern bin und bleibe, ist wohl das entscheidenste und so sehr ich meine Probleme mit der Kultur meiner Vorfahren habe, je älter ich werde, schätze ich diesen Zwiespalt, der mich aufbäumen und (ziemlich verzögert) rebellieren lässt.

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Botschaft

Ich weiß nicht, wieviele meinen Blog lesen, vor allem nicht bei wievielen die Botschaften ankommen.

Nicht, dass ich behaupte den Sinn des Lebens begriffen zu haben oder gar zu wissen, was einem ein ERFÜLLTES Leben versichert.

Die Botschaften, die ich versuche in meinen Einträgen zu vermitteln, sind Lehren, die ich selbst gezogen haben, die das Leben mir erteilt hat.

Als aller erstes und am essentiellsten für mich zum Überleben, Brücken bauen und Vertrauen übermitteln, ist ein Lächeln.
Ich lache für mein Leben gerne. Schon zu oft haben mir Leute gesagt, ich lache ZU laut. HALLELUJA noch eins, wessen einziges Manko ein lautes Lachen ist, der ist ein glücklicher Mensch!
Ich schäme mich nicht dafür und keiner hat es noch geschafft, dass ich damit aufhöre, denn mein Lachen ist ansteckend.
Mein Lächeln überwindet Sprachbarrieren und gibt Sicherheit.
Ich reiße gerne Witze, am liebsten über mich (das war ein langer Weg). Sich selbst zu ernst und wichtig zu nehmen vereitelt einem den Blick auf das, was verbessert gehört – dringend.

Eine andere Botschaft ist, dass der Kontakt mit anderen Menschen mich bereichert, meinen Visus korrigiert, mir neuen geilen Gerichten die Türe öffnet, mich zu einer Kosmopolitin werden lässt.
Ich will überall hin, ich will von überall sein.
Ich bin weder Singhalesin, noch Kärntnerin. Ich bin von allem ein bisschen.

Ich habe gelernt, was Liebe ist, und wie vernichtend und erfüllend sie sein kann.
Sich zu trauen jemanden sein Innerstes Preis zu geben trotz der wiederholten Sturzflüge auf die Nase, ist ein Risiko, das ich wieder und wieder eingehen würde.
Vielleicht bin ich mit 80 noch Single, aber wieviele Gedichte und Erinnerungen habe ich geschrieben und gespeichert, die ich alle mal unserer (Uschis und Bernhards hauptsächlich) süßen Marie erzählen darf?
Alles und jeder ist es Wert, dass Risiko einzugehen ein Stück meines Herzens an diese Begegnung zu verlieren.

Gleichzeitig habe ich gelernt, wie schwer es mir fällt loszulassen, was los will.
Ich glaube, das wird für mich eine lange Lehre sein.

Ich ging auf Einsatz um mich selbst zu testen, um meine Werte auf die Probe zu stellen.
Ich bin hier und ich fühle mich verloren.
Verloren in all dem Hass um mich herum, der Habgier der Wohlstandsbevölkerkung, dem Neid der IPhone-Besitzer auf den Flüchtling mit dem Smartphone.
Der Mensch hat seine Rechte verloren, das Recht auf Besitz, das Recht auf Sicherheit und Schutz.
Bin ich Flüchtling, so muss ich gesenkten Hauptes, mit nur den Fetzen am Leib und kaputten Schuhen, vor das reiche Europa treten. Ich darf kein junger Mann sein, sondern muss in eine der Schubladen, Frau mit Kind, Familie, Alter Mensch fallen, sonst bin ich ein Vergewaltiger und Mörder. Ich muss die einzigen für mich bekannten Traditionen, Ansichten, Wertvorstellungen und Prinzipien gegen die einer fremden Kultur tauschen, sonst bin ich ein radikaler Ausländer, der nur schmarotzen kommt.
Ich muss binnen Sekunden eine Sprache sprechen, von der ich vorher nicht mal gewusst habe, wo genau sie gesprochen wird. Ich darf keine Identität und keine Persönlichkeit haben.
Nur dann bin ich ein Flüchtling, der es wert ist geholfen zu werden.

Ich möchte mich von Menschen distanzieren, die so denken. Ich will in keiner Welt leben, die nicht aus Fehlern lernt. Aber diese immer wieder übertrumpft.
Ich will nicht mehr heucheln müssen und akzeptieren, dass über Anders-Fühlende, Anders-Aussehende, Anders-Sprechende abfällig geredet wird und das auch noch gesellschaftsfähig ist.
Ich will nicht Neger genannt werden und ich will nicht hören, dass Neger doch kein Schimpfwort sei.
Ich habe noch nie einen Deutschen Piefke, einen Serben Jugo oder einen Türken Knoblauch-Fresser genannt.
Das alles sind Hilfsausdrücke für Menschen, die jeden anderen hassen, der nicht is(s)t wie sie.

Hass. Der Buddhismus lehrt, dass Hass ein Stück heiße Kohle ist, den man in der Hand hält. Er verbrennt einen und man ist nicht in der Lage ihn los zu lassen.
Ich habe einmal gesagt, ich hasse dich, und bereue es bis jetzt.
Das Wort ist hässlich, es ist grausam und macht einen einsam.

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