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ENDLICH!

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Ich darf wieder schreiben…
Gut fuer mich, dass ich nicht ueber Politik schreibe, so laufe ich mit meinem Blog nicht Gefahr auf Minen zu treten. Ist es nicht eine Knigge Regel nicht ueber Geld und Politik zu reden? So halte ich mich daran.

El Mina Tripoli

El Mina Tripoli

Seit 1. Juli bin ich an meinem Einsatzort Tripoli im Norden von Libanon (man beachte: nicht Lybien) Zuvor hieß es fuer mich Frischling eine Odysee von Briefings zu durchlaufen. Das Wort Briefing war bis dahin kein Bestandteil meines Wortschatzes und auf einmal war es das meist verwendete in den ersten Tagen, beginnend in Genf. Es sprachen Leute zu mir, deren Namen ich mir a) nicht merken konnte und b) nicht verstaendlich waren, aber da es denen ganz gleich ging mit meinem, erlaubte ich mir diese Unhoeflichkeit. Sollten wir uns oefter ueber den Weg laufen, wuerde sich mein Hirn mehr anstrengen.

Die Ankunft in Beirut war mehr oder weniger glimpfig, denn ich lernte am Exit meine Kollegin kennen und wir waren beide erleichtert nicht alleine zu sein. Mit Kopie und Wegweisung zum guesthouse bewaffnet stiegen wir in das wartende Taxi. Der Taxifahrer haendigte uns ein Kuvert mit etlichen Papieren aus. Ich schnauffte innerlich, denn ich musste mir fuer die vielen Dokumente die mir auf den Weg von Wien, nach Genf nach Beirut uebereicht wurden eigens eine Tasche (mit Stolz trug ich sie, da eine MSF Tasche) zulegen. Ich kann Papierkram nicht leiden, ich verliere ihn, habe es doppelt oder verstehe ihn nicht. Es ist immer irgendetwas. Ich hatte zum Beispiel einige in einem Paket (samt einiger Kleidungsstuecke, die doch zu viel waren- so dachte ich in Genf, was in der 2. Woche in Tripoli schon bereut wurde) zurueck an meine Eltern geschickt, nur um sie eine Woche spaeter drum zu bitten, mir ein Foto von eben diesen Dokumenten zu schicken.

Unsere Vorbereitung im Vorfeld alleinig um das guesthouse zu finden, war fuer die Katz. Wir waren umquatiert worden. In die Wohnung des neuen Head Of Mission (der Chef des ganzen Libanon Projektes!), da dieser aber noch nicht da war, durften wir zwei mit einem anderen Kollengen drin naechtigen.
Nach einigen Schwierigkeiten mit dem Schluessel und unserer Ueberzeugung, dass wir an der falschen Wohnung unser Glueck probierten, mehreren Telefonaten, Kopfschuetteln und gewaltvollem Hineinrammen des Schluessels verschafften wir uns Zugang zur (wohl bemerkt richtigen) Wohnung.
Ich, die sich weiss der Himmel was fuer Vorstellungen von der Unterkunft gemacht hat, befand mich im Luxus. Wir haetten beide ein eigenes Zimmer haben koennen, aber wie Maedchen nun mal sind, wir reden gerne, entschieden wir uns fuer das Doppelzimmer.

Wir hatten ein ganzes Wochenende fuer uns in Beirut bevor wir an die Arbeit mussten, besser gesagt bevor ich bearbeitet wurde. So machten wir am Sonntag einen “Spaziergang” aka Gewaltmarsch durch Beirut und entdeckten einige wirklich schoene Ecken und erfuhren mehr ueber das Land, in dem ich die naechsten sechs Monate verbringen wuerde.

Bouganville überall

Bouganville überall

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Orthodoxe Kirche in Beirut

Schon zu Beginn ueberforderten mich die Bemerkungen ueber die vielen Religionen, Abspaltungen vom Islam, Orthodoxer Christentum, und noch einige andere. Es war lang her, dass ich ueber den Islam Bescheid wusste um genau zu sein war es mir voellig entfallen, dass es da die Suniten und die Schiiten gibt. Heute kann ich versichern, dass ich zwar noch immer nicht GENAU weiss, was der Unterschied ist, aber da geht es mir im Christentum nicht anders (Ein Mann am Kreuz ueber den sich viele Koepfe ihre eigen Meinung gebildet haben ud zur Kenntnis gekommen sind, dass sie recht haben und der Rest am Holzweg ist), aber zumindest nie mehr vergessen werde, dass sie sich nicht so gut vertragen.
Hier betreten wir im Nahen Ost schon sehr gefaehrliches Terrain. Wir sind mitten drin im Syrien-Dilemma, Konflikt mit Israel und welche Rolle andere Maechte in dem ganzen Chaos haben.

Am Montag erhielt ich eine Wiederholung der Dinge, die ich bereits in Genf erfahren hatte, aber die in Beirut an Form gewannen. Mir wurde meine Position immer klarer aber vieles blieb fuer mich weiterhin im Verborgenem, u.a. weiterhin die vielen Namen!
Am Montag verliess mich meine Kollegin um nach  Tripoli aufzubrechen, ich blieb noch. Alleine in der Wohnung vom Chef. Montag Abend ließ ich mir bestaetigen, dass er noch nicht kommen wuerde. Haette ich das gleiche fuer Dienstag getan, waere mir eine peinliche Situation erspart geblieben. Aber was waere mein Leben ohne die vielen Fettnaepfchen, in die ich so gerne trete? So lag ich nun erschoepft von dem vielen nur zuhoeren, nicken und Notizen machen, die bereits im naechsten Moment schon keinen Sinn ergaben, in meinem Pyjama auf der Couch als ploetzlich die Tuer aufging und der HoM vor mir stand. Ich im Pyjama. Im Pyjama. Er hat mein Outfit geflieszentlich uebersehen und mich sehr freundlich willkommen geheiszen. Ich schliech mich in mein Zimmer und  traute mich bis zum naechsten Morgen nicht mehr heraus, ich haette mir beinahe das Pinkel vor lauter Scham verkniffen. Am Mittwoch verliesz ich frueh morgens die Wohnung. Seit dem hab ich ihn nicht mehr wiedergesehen.

Ich arbeite nun fuer eine NGO. Ich hatte mir nicht viele Gedanken darum gemacht, wie es wohl sein wuerde. Arbeit ist Arbeit. Mir war nur wichtig, endlich etwas zurueck geben zu koennen. Ich machte mir keine Gedanken um das Geld, nicht um die “verlorene” Zeit. Ich gebe mein Privatleben und meine Wohlfuehlzone auf. Ich entziehe mich meinen Freunden und meiner Familie. Aber ich mache mir keine Sorgen. Ich hab ein Nest, in das ich zurueckkehren werde, auch wenn es mir zur Zeit Sorgen bereitet, wie es sein wird in ein Oesterreich zurueckzukommen, das sich so veraendert.
Ich habe Österreich mit Bauchweh verlassen, auf der einen Seite wegen all meinen verrückten Freunden aber andererseits wegen der Stimmung, die im Land herrscht. Ich habe mich noch nie so sehr als Ausländerin gefühlt wie in den letzten Wochen vor der Abreise. Ich wurde mir auf einmal meiner Hautfarbe bewusst und es schlich sich das perfide Gefühl ein, ich müsste mich für meine Herkunft schämen. Aber noch schlimmer ist das Gefühl, in einer Schuld zu stehen, etwas in Anspruch genommen zu haben, das ausschließlich dem Blut-Österreicher vorbehalten ist.
Ich muss miterleben, dass Österreicher Migranten für Gesindel halten und ich weiß nicht so recht, wie damit umgehen. Ich eliminiere Facebook-“Freunde”, die ganz klar mehr tun als nur politische Position beziehen . Aber es ist keine Lösung, die auszusortieren, denn so verfälsche ich meinen Visus.
So fahre ich auf Einsatz um Menschen hoffentlich zu helfen, die in Europa nicht nur vor verschlossenen Türen stehen, nein, denen richtig Hass entgegen gebracht wird.
Libanon ist ein kleines Land, das mehr, 1.4Mio, Flüchtlinge aufnimmt, als überhaupt nach Europa kommen.

Place des Nations Genf

Place des Nations Genf

Ich bin abwechselnd froh und traurig. Ich war zu lange zu naiv. Ich habe ein Leben genossen, in dem ich nie  auf irgendetwas verzichten musste. Reich waren wir nie und werde ich auch nie sein. Aber mein Leben ist ein purer Luxus. Ich freue mich auf die Rueckkehr, aber habe Angst um die Stimmung in Oesterreich. Es ist mein zu Hause, aber vielleicht muss ich umdenken und muss mir ein neues suchen?

Was ist nun meine Aufgabe hier?
Ich beaufsichtige 13 Allgemeinmediziner und 3 Sozialarbeiterinnen. Da ich selber als Aerztin hier nicht taetig sein darf, unterstuetze ich unsere Aerzte in ihrer Aufgabe, erinnere sie an die Protokolle und Guidelines, an die wir uns halten muessen. Die Medizin in der Primaerversorgung ist klinik-basiert. Begrenzte Ressourcen zwingen uns zum genauen hinsehen. Humanitaere Hilfe ist nicht unendlich, sie ist begrenzt aber die Aufopferung ist grenzenlos. Ihre Vorteile ueberwiegen ihre  Nachteile, sie lassen uns unsere Limits akzeptieren und laehmen uns nicht. Jeder kann zu uns kommen, wir fragen nicht nach Herkunft und nicht nach Kapital, nicht nach Religion und politischer Gesinnung.

Oft muss ich schmunzeln, wenn ich Patienten hier sehe, die mich so sehr an die in Oesterreich erinnern. Eltern, die naechtens Fieber ‘fuehlen’ gehen und Angst um ihr Kind haben, aber dennoch zu besorgt sind ordentlich Fieber zu senken.
Auch hier haben wir Somatisierungsstoerrungen mit der Aussnahme, dass mentale Probleme ein Tabuthema sind und wir sehr behutsam an die Patienten mit der Option einer psychologischen Beratung heran treten muessen.

In den bald acht Wochen, die ich hier bin, habe ich mit Patienten gelacht, mitgefuehlt und um ihr Leben gebangt. Ich habe mit ihren Babies gespielt, Bussis bekommen und mit ihnen geschimpft. Ich bewundere sie fuer ihren Lebenswillen und Frohsinn, ihren Stolz und ihre Bescheidenheit. Ich ziehe den Hut vor unseren Mitarbeitern, die im Brennpunkt leben und sich fuer die Menschen einsetzen.
20150820_111315Ich bin nicht fuer Bueroarbeit geboren. Die Stunden am Computer versuche ich auf ein Minimum zu reduzieren und so viel Zeit wie moeglich in den Kliniken zu verbringen. Ich versuche auf so viele Hausbesuche mit den Sozialarbeiterinnen zu gehen wie moeglich und erlaubt. Nur so bekomm ich ein Gefühl für die Menschen und ihre Bedürfnisse, nur so kann ich ein Teil von der Arbeit sein, die ich leisten will.
Die Damen im Bild oben leben in Jabal Mohsen, einem von Aufständen geruettelten Viertel von Tripoli. Die Frau zu meiner rechten wurde in einer dieser Aufstände schwer verletzt und kann seit dem nicht gehen. Ihr einziger Wunsch ist endlich wieder auf die Beine zu kommen um ihrer Schwester, links, helfen zu können. Sie leben auf weniger als 15 qm. Der Eingang zu ihrer Wohnung ist eine Doppeltür, deren abblätternde blaue Farbe früher bestimmt dem Ozean geglichen hat, auf den man von der Behausung aus einen guten Blick hat. Sie haben nur sich zwei, teilen sich ein Bett, wissen nicht wie alt sie sind, da es nie von Belang war. Sie leben von dem wenigen, das die Schwester mit putzen verdient und bangen um die Kosten für die Medikamente, die hierzulande viel zu teuer sind. 

Medizin soll nicht teuer sein. Medizin ist kein Privileg der Oberschicht. Zwischen dem Leben seines Kindes und der finanziellen Sicherheit abzuwägen darf niemandem zugemutet werden.